Deutscher Gewerkschaftsbund

13.11.2011
Auseinandersetzung über Arbeit

Arbeit Sinn und Sorge

Deutschen Hygiene-Museum Dresden

Ralf Hron DGB Dresden

Ralf Hron hinter Akten, genauer den Unterschriftenlisten der BI WOBA erhalten in Dresden Hron

Im Deutschen Hygiene-Museum Dresden wird von Juni 2009 bis zum April kommenden Jahres eine bemerkenswerte Auseinandersetzung über Arbeit, genauer über Erwerbsarbeit geführt. Die Ausstellung Arbeit Sinn und Sorge beschäftigt sich mit den Chancen und Grenzen heutiger Erwerbsarbeit. Sie bildet das Abschlussprojekt des Programms Arbeit in Zukunft der Kulturstiftung des Bundes mit Unterstützung der Bundesanstalt für Arbeit. Arbeit ist in der Tat lebensprägend. Für das einzelne Individuum ist der Zugang zur Ressource bezahlter Arbeit entscheidend für das persönliche Leben. Diesen individuellen Fokus haben die Ausstellungsmacher gewählt. 

Macher und Kunst

Den Kuratoren der Ausstellung Daniel Tyradellis und Nicola Lepp gelang eine beeindruckende künstlerische Annäherung an dieses umfassende Alltagsthema. In fünf thematischen Räumen wird der künstlerische Versuch unternommen, eine riesige Bandbreite von Fragestellungen zum Thema Arbeit zu unterbreiten. Das sichere Terrain des Musealen wird verlassen, um mit modernsten Kommunikationsformen das Publikum zu animieren. In einer Unzahl von Video- und Filmsequenzen, mit Installationen und Kurzspots werden die Aussagen von mehr als einhundert Interviewpartnern zur eigenen Arbeit präsentiert. Sie erzählen über ihre Träume, Vorstellungen, Enttäuschungen und Erfolge im Zusammenhang mit der Erwerbsarbeit. Dadurch entsteht ein ganz persönlicher Blick, oder besser gesagt, es entstehen viele unterschiedliche Blickwinkel. 

Nach dem dualistischen Prinzip „Sinn und Sorge“ wird das eigene Handeln im Kontext der Arbeit verdeutlicht. Dabei geht es auch um die Chancen und das eigene Scheitern. Während einem gleich zu Beginn der Ausstellung mit einem an der Wand montierten Faultier eine lustige Provokation begegnet, werden zugleich entscheidende Fragen des Sinns, des menschlichen Handelns anhand einer riesigen Styroporplastik gestellt. Auf winzigen kleinen Spielzeugfernsehern kann der Zuschauer sich dann in drei transparent abgeteilten Flächen Wortkombinationen und Aussagen zu Schlüsselbegriffen der Arbeit betrachten. 

Begriffe und Exponate

Besonders witzig wird in Form von Gebrauchs-Puppenclips die Erläuterung zentraler Begriffe des Wirtschaftslebens dargestellt. Gerade auch Begriffe, die in der heutigen globalen Krise im dauerhaften Gebrauch sind. Es wird die Mehrwerttheorie ebenso in Kurzclips erklärt, wie Renditen oder eben die Krise selbst. An den Außenwänden begegnet man auf kleinen Monitoren den persönlichen Aussagen der Interviewpartner. Sehr plastisch wird die Entwicklung der Arbeitslosenzahlen in der Geschichte der Bundesrepublik visuell aufgefangen. Den Hoffnungen und Wünschen wird die Dauerarbeitslosigkeit von Millionen von Menschen im realen Leben der Bundesrepublik entgegengestellt.

Im nachfolgenden Maschinenraum begegnen dem Betrachter große Video-Installationen, die Erfolge und Misserfolge der deutschen Wirtschaftsgeschichte präsentieren. In getrennten Bereichen rechts und links aufgeteilt, vereint sich die Darstellung nach dem Fall der Berliner Mauer zu einem gemeinsamen Film. Gleich zu Beginn des Maschinenraums begegnet uns eine Installation von mehreren hundert Turnschuhen, die dem Autor ostdeutscher Herkunft ein zusätzliches Schmunzeln bei der Erinnerung an frühere DDR-Zeiten hervorruft. Der unübersichtliche Überfluss lässt Fragen offen. Die Monotonie von Fließbandprozessen wird gleich zwei Meter daneben präsentiert. Massenware in Form von tausenden Plastikbehältern gleichen Aussehens, gleicher Größe, gleicher Farbe. 

Im Mittelpunkt steht das Individuum

In den beiden kommenden Präsentationsräumen werden Bildungs- und Lernwege präsentiert. Wir sehen Lebensverläufe und wir sehen deren rasante Veränderung. Die Frage der beruflichen Qualifikation wird anhand von zehn Lebens- und damit Karrierebeispielen erläutert. Zahlreiche Videoclips lassen den Betrachter alle paar Sekunden in neue Lebensperspektiven sehen. Dabei wird der Besucher mit einer unglaublichen Bandbreite von individuellen Lebensverläufen konfrontiert. Sicher kann niemand bei einem Museumsbesuch diese vielen Perspektiven auch nur ansatzweise wahrnehmen. Der Verdacht liegt nahe: Genau das wollten die Ausstellungsmacher.

Im „Übungsraum“ fragt die Filmemacherin Bärbel Freund in ihren Videosequenzen, wie man in bestimmte Berufswege hineingerät. Am Rande werden in Video-Graphiken die unterschiedlichen Förderansätze der Bundesanstalt für Arbeit an den Ausstellungswänden vorgestellt. Man erhält einen mehrdimensionalen Eindruck vom Dschungel der Fördermöglichkeiten, in dem man sich gleichzeitig verlieren kann.

Reden über Arbeit

Mehr als einhundert TV-Sendungen werden im nächsten Raum zu einer weiteren Videoinstallation verwendet. Sie zeigt die deutsche Politik-Talklandschaft, die spätestens seit Sabine Christiansen die Demokratie auf eigenartiger Weise massiv beeinflusst. Man begegnet den Aussagen der „Arbeits“-Experten. Auch führende Gewerkschafter kommen zu Wort. In einem runden Innenraum kann Mann und Frau sich an unterschiedlichen Sequenzen schier schwindlig sehen und damit dem gnadenlosen Politikkonsumieren hingeben. Einer sehr modernen Form des Unpolitischen, die hier durch eine beängstigende Verdichtung der Talk-Show-Demokratie untermauert wird.

Überhaupt: Das künstlerische Vorgehen berührt. Es dominiert eine Unzahl an bewegten Bildern. Durch die riesige Anzahl von Einzelstatements kann der Besucher sich, vorausgesetzt man nimmt sich die Zeit dafür, ein sehr breites Bild von individuellen Ansichten zum Thema Arbeit machen. Dabei wird durchaus provoziert: Jedoch erläutert der künstlerische Leiter Daniel Tyradellis im Gespräch mit dem Autor genau dies als Teil des Konzeptes. Der Besucher wird eben mit dem „Sinn und der Sorge“ konfrontiert. Er selbst muss damit in verantwortungsvoller Weise umgehen. 

Zur Begleitung erhält der geneigte Betrachter ein Kartenset mit Schlüsselbegriffen der Arbeit. Wie zum Beispiel: Humankapital, Autorität, Familienarbeit, Teilzeit, Mindestlohn, Globalisierung oder auch Gewerkschaften. Die können, ganz der Logik der Arbeit folgend, im Verlauf der Ausstellung an Terminals abgestempelt werden. Man muss also mitarbeiten! Das wirkt zunächst mühselig, wie in der Realität. Na klar: Der Mensch hat, wie in der Begleitbroschüre beschrieben, seine liebe Not mit der Arbeit. „Mal ist sie ihm zu viel, mal zu wenig, oft ist sie schlecht und manchmal gar nicht bezahlt. Die einen sind hoffnungslos überarbeitet, andere verzweifeln an der Arbeitssuche. Die Meinungen hierüber gehen weit auseinander.“

Diskussionen folgen

Jeder mache sein eigenes Bild über die Arbeit. Über deren Sinn und auch der persönlichen Sorge. Im Rahmen der geplanten Begleitveranstaltungen zur Ausstellung in Dresden werden sich viele Fachleute, Wissenschaftler und Praxisvertreter in den kommenden Monaten mit dem Thema auf ganz unterschiedliche Art und Weise beschäftigen. Das Begleitprogramm wird separat beworben und verspricht erstklassige Auseinandersetzungen mit dem Thema.

Kritik

Allerdings werden auch zentrale Schwächen der Herangehensweise der Ausstellungsmacher deutlich. Es wurden keine Vertreter der Gewerkschaften in die Konzeption einbezogen waren. Seit Jahrzehnten führen Gewerkschaften, auch im internationalen Kontext, eine breite Debatte zur Zukunft der Arbeit, zur Qualität der Arbeit und schließlich gestalten, nein, machen Gewerkschaften Arbeit. Die Konzentration der Ausstellung auf individuelle Aspekte der Arbeit mag manch neueren Entwicklungen in der Arbeitswelt entsprechen, der Spaltung von Belegschaften und der Vereinzelung im Arbeitsleben als Voraussetzung von Lohndrückerei und anderen Bedingungen prekärer Arbeit. Aber dieser Fokus wird nicht dem Prinzip der Solidarität im Arbeitsleben gerecht. Der Sinn der Arbeit spiegelt sich ganz erheblich in der Gemeinschaft, im Kollegium und gemeinsam erarbeiteten Erfolgen, die immer mehr sind, als die Summe der Einzelnen. Diese soziale Dimension kommt zu kurz. Man bekommt beim wohlwollenden Betrachten der einzelnen Exponate den Eindruck, dass sich die akademisch-künstlerische Diskussion vielleicht ein wenig von der so genannten Praxis entfernt hat. Hierzu wären die Gewerkschaften die ersten Ansprechpartner gewesen. 

Ein positives Fazit sollte aber nicht ausbleiben, denn in dieser Ausstellung wird die Diskussion um die Erwerbsarbeit in einer Weise geführt, wie sie selten anzutreffen ist. Denn egal an welche Bereiche man denkt, es gibt nichts, was die Sorgen und Nöte der Menschen breiter widerspiegelt, als die Suche nach dem Sinn der eigenen Arbeit. 

Ralf Hron ist Vorsitzender der DGB Region Dresden-Oberes Elbtal.


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