Deutscher Gewerkschaftsbund

21.06.2019

Lesung mit Bettina Kenter-Götte

Happy End mit politisch fragwürdigem Aspekt

Ein vergnüglich-erschütternder Abend in der Kleinkunstbühne Q24 zum Thema  „Hartz IV“

Mit 18 hatte sie nicht nur ihr Abitur in der Tasche, sondern auch schon eine Schauspielausbildung. Ihre erste Rolle spielte sie am berühmten Piccolo Teatro Mailand, der weltbekannte Regisseur Peter Weir engagierte sie für eine Fernsehserie in Australien, sie gastierte in Afrika bei Krimiautor und Theaterleiter Henning Mankell, wurde als Synchronsprecherin in Serien wie „Reich und Schön“ bekannt und als Autorin mehrfach prämiert. Doch trotz aller Erfolge geriet Bettina Kenter-Götte mehrfach in Armut: einmal als Singlemama, einmal als Künstlerin, einmal wegen einer Erkrankung.

2011 bekam sie den Stuttgarter Autorenpreis für ihr Bühnenstück „Hartz-Grusical“. Seit dieser Zeit engagiert sie sich für die Enttabuisierung der Armut, v.a. bei freien Bühnen- und Medienschaffenden, und fordert ein „#metoo der von Armut Geschändeten, damit klar wird, wie viele wie schwer betroffen sind“.

2018 ist ihr Buch „Heart’s Fear – Hartz IV – Geschichten von Armut und Ausgrenzung“ im Verlag Neuer Weg erschienen. Seither ist die schreibende Schauspielerin, die bald ihr 50jähriges Bühnenjubiläum feiert, nonstop unterwegs, zu Gastspielen, Talkshows und Interviews. Das Buch stieß auf großes mediales Echo und gilt als heißer Tipp, denn Bettina Kenter-Götte fasst ein heißes Eisen an und bricht ein Tabu: Spielend, lesend und erzählend gibt sie der Armut in Deutschland ein Gesicht und eine Stimme, erschreckend, informativ, komödiantisch. Auf Berichte in der örtlichen und überregionalen Presse folgten Fernsehauftritte, Rundfunkinterviews und Einladungen aus allen Ecken Deutschlands.

Die Wahlmünchnerin tritt in Kirchen, Bürgerhäusern, Parteizentralen, Fachgremien, Literaturcafés und Theatern auf. Mehr als vierzig Veranstaltungen und 20.000 „Buchkilometer“ liegen inzwischen schon hinter ihr. „Als Singlemutter diskriminiert und von Behörden drangsaliert, als Schauspielerin honoriert, als Autorin prämiert, vom Jobcenter sanktioniert“, so fasst sie ihren Lebenslauf knapp, prägnant und systemkritisch zusammen; denn wenn selbst gute Bildung und Ausbildung, internationale Erfolge und eine hohe Lebensleistung nicht vor Armut bewahren können, wer ist dann noch vor Armut gefeit? „Hartz IV“ wird zur Bankrotterklärung des Sozialstaats. Und so kommt die Autorin auch zum Schluss: „Hartz IV ist absurd, brutal, menschenverachtend, kontraproduktiv und in weiten Teilen rechtswidrig.“ Diese Behauptung belegt die sie in ihrer „Lesung mit Spielszenen“. In der anschließenden Diskussionsrunde berichten Betroffene allerorten von ähnlichen – oder schlimmeren – Erfahrungen: Einer im fünften Monat Schwangeren riet das Jobcenter: „Kommen Sie nicht auf die Idee, vor der Geburt ihres Kindes eine Babyausstattung zu beantragen. Vielleicht wird’s ja `ne Totgeburt“; Babykleidung wäre dann unnötig. Und während der Millionär Kindergeld bekommt, nimmt der Staat es den Ärmsten im Lande wieder weg, als „anrechnungsfähiges Einkommen“.

Von Armutsforschern und Sozialwissenschaftlern wie Christoph Butterwegge und Stefan Selke wird schon seit langem analysiert und mit Sorge betrachtet, was die armutserfahrene Schauspielerin am Abend des 13. Juni in Pirna so kurzweilig auf die Bühne des „Q 24“ bringt. Auch die ehemalige Jobcenter-Mitarbeiterin Inge Hannemann kämpft seit Jahren gegen „Hartz IV“, und der Unternehmer Götz W. Werner, sagte: „Hartz IV ist offener Strafvollzug.“

IInzwischen wird landesweit über die Abschaffung von Hartz IV diskutiert, denn die verheerenden Auswirkungen der „Agenda 2010“ (geschaffen von Rot-Grün!) mit ihrem Herzstück namens „Hartz IV“, sind unübersehbar: Niedriglöhne, die zum „Aufstocken“ zwingen;  „Leistungen“, die kaum Geld für Grundnahrungsmittel lassen; galoppierende Armut, die Heerscharen von Menschen an 1000 „Tafeln“ treibt, vor allem Frauen, Kinder, Alte. Und nach Abschaffung der Lohnersatzleistung „Arbeitslosenhilfe“ bleibt auch freischaffenden KünstlerInnen in berufstypischen Beschäftigungslücken nur noch die verachtete Fürsorgeleistung namens Hartz IV. „Da hungern und frieren viele lieber freiwillig aus Angst vor Imageverlust, Jobcenter und Sanktionen“  sagt Kenter-Götte, und fährt fort: „Hartz IV ist die Schreckenskammer der Gesellschaft. Wer nicht dort ist, hat keinen Einblick. Und wer dort war und der Martermühle lebend und bei Verstand entrinnt, will meist nicht mehr damit in Verbindung gebracht werden.

Diesem Tabu widersetzt sich die couragierte Künstlerin. Schon 2011 hat sie sich als (seinerzeit) arm geoutet, wohl wissend, dass „das nicht auftragsfördernd ist“. Aber: „Die Beschämung kommt von außen, ist medial gemacht durch Dauer-Verunglimpfung der Armen.“ Und deshalb geht sie voran und fordert Betroffene auf: „Entschämt euch! Zeigt Gesicht! Erzählt eure unglaublichen, absurden, empörenden Erfahrungen mit Jobcentern!“

Am 13. Juni war die Vielreisende nun auch in Pirna zu sehen, bei einer Veranstaltung des DGB-Kreisverbandes Sächsische Schweiz-Osterzgebirge „Heart’s Fear – Hartz IV – Geschichten von Armut und Ausgrenzung“: Lesung, Spielszenen, Diskussion“  - eine Buchvorstellung besonderer Art, denn hier hat nicht nur eine den Mut, aus der „Schreckenskammer“ zu berichten, sondern auch das Handwerkszeug dazu, denn Schreiben, Spielen und Erzählen, das ist ihr Beruf.

Kenter-Götte hält das Publikum in Atem und unterhält es gut, während sie es mit einer Parallelwelt konfrontiert, die nicht unterhaltsam ist, sondern erschreckend: 67seitige „Hartz-IV-Anträge“, mittelalterliche Hungerstrafen namens „Sanktionen“, die Millionen Leistungsbeziehende in existenzielle Panik versetzen und nicht nur (nach Leistungskürzungen) in Hunger, sondern (via Stromsperren und Entzug des Krankenversicherungsschutzes) auch in Krankheit treiben – und schlimmstenfalls in Obdachlosigkeit und Tod.

Wer wäre dafür, einem rechtskräftig verurteilten Mörder im Gefängnis das Essen wegzunehmen, Licht und Heizung abzudrehen, die Medikamente wegzunehmen und ärztliche Hilfe zu versagen? Und doch werden monatlich rund 80.000 unbescholtene Bürger und Bürgerinnen so bestraft, ohne Straftat, ohne Prozess, ohne Urteil.

Die UN-Menschenrechtskommission wertet dies als Menschenrechtsverletzungen; ein Urteil beim BvG ist anhängig. 

Wenn das Publikum begreift, was eine „Leistungskürzung“ real bedeutet und anrichtet, erstarrt es spürbar. Erklärt Kenter-Götte als „Schulungsleiterin Frau Peininger“ die Hartz-IV-Regeln, so macht sich Beklommenheit breit, und das Lachen bleibt im Hals stecken. Und verkündet sie als bodenständige „Frau Liba“ (eine weibliche Version des berühmten Soldaten Schwejk): „Brauch‘ man net Hartz, brauch‘ ma mehr Herz!“, dann ist das purer Theatergenuss. Information, politische Aussage und Darbietung verbinden sich an diesem Abend zu einem einzigartigen künstlerischen Event von politischer Relevanz und höchster Brisanz.

Bettina Kenter-Götte ist der „Schreckenskammer“ entkommen. Sie ist wieder gesund geworden, steht wieder im Synchronstudio, ist auf Lesereise und bis 2020 ausgebucht, ist glückliche Großmama und „nebenbei“ Rentnerin. Nach fast 50 Berufsjahren beträgt ihre Rente rund 1000 Euro; das ist sehr viel höher als die Frauen-Durchschnittsrente … und könnte doch, lebte sie allein in einer Stadt wie München, leicht wieder elende Armut bedeuten …

Doch in diesem Fall gibt es ein Happy End: Seit 2015 ist die die Künstlerin verheiratet, mit einem Journalisten, der sie nach einer Hartz-IV-Veranstaltung interviewte. „Das ist ein großes Glück“, sagt sie; „aber so viel Glück haben nicht alle. Und es stellt sich die Frage: Ist es auch heute noch so, dass eine Frau, egal wie gebildet und erfolgreich, egal, wie viel Verantwortung sie getragen und wie viele Arbeitsstunden sie absolviert hat, … dass eine Frau letztlich nur durch eine Ehe abgesichert ist? Auch heute noch, im 21. Jahrhundert? Das ist ein Skandal. Und deshalb mache ich weiter … auch wenn ich längst nicht mehr betroffen bin.“

B. Kenter-Götte mit A. Oehm und A. Schnabel

B. Kenter-Götte mti A. Oehm und A. Schnabel aoehm

Bettina Kenter-Götte

Bettina Kenter-Götte aoehm


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